OSSIP – AIDS Hilfe Frankfurt E.V. Tom Holz Vor Seinem Büro Designstudentin LauraHess
OSSIP – AIDS-Hilfe Frankfurt E.V._Tom Holz Vor Seinem Büro_Designstudentin_LauraHess
OSSIP – AIDS-Hilfe Frankfurt E.V._Tom Holz Beantwortet Meine Fragen_Designstudentin_LauraHess
OSSIP – AIDS-Hilfe Frankfurt E.V._Schichtplanung Im Bahnhofsviertel_Designstudentin_LauraHess
OSSIP – AIDS-Hilfe Frankfurt E.V._Infomaterial_Designstudentin_LauraHess
OSSIP – AIDS-Hilfe Frankfurt E.V._Bereit Für Die Runde_Designstudentin_LauraHess

Letzten Donnerstag hatte ich die Chance mit dem Leiter des Projekts OSSIP, Tom Holz, ein Interview zu führen. OSSIP bedeutet: Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention

Tom ist Streetworker der AIDS-Hilfe und hielt sich glücklicherweise einen Termin für mich frei.

Nach wochenlanger Interviewplanung und -vorbereitung, machte ich mich pünktlich auf den Weg in die Kaiserpassage. Die Tür seines Büros stand offen, für Jedermann zugänglich. Er empfing mich sofort sehr freundlich und bot mir direkt etwas zu trinken an.

Das Interview an sich war sehr spannend und aufklärend. Anschließend zeigte er mir die wichtigsten Stellen im Bahnhofsviertel und ich drehte mit ihm „seine Runde“.

  • Wie lange arbeitest du schon als Streetworker und wie kam das Projekt OSSIP zustande?

Das Projekt wurde 2004 gegründet, aus der Überlegung heraus, die Polizei, mit ihrem Auftrag, durch Sozialarbeit zu unterstützen; da eine Kooperation herzustellen und eine bessere Vernetzung.

Die Idee war richtige Sozialarbeiter einzusetzen, die auch Hilfsangebote machen.

  • Was ist das Ziel dieses Projekts?

Zum einen die Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Trägern, weil das ist ein trägerübergreifendes Projekt. Zum anderen die Kooperation mit den Ordnungsbehörden. Wenn wir zum Beispiel mal Patienten vermissen, können wir bei der Polizei anrufen und fragen ob sie wissen, wo sich der Patient gerade aufhält.

  • Wie sieht dein Tagesablauf als Streetworker aus?

Streetwork fängt bei uns um 10 Uhr an. Wir sind immer Gruppen von zwei bis drei Mitarbeitern, die haben Zwei-Stunden-Schichten. Das geht dann bis abends um 20 Uhr. In der Zeit sind wir hier im Viertel unterwegs und gucken, ob wir neue Gesichter finden, wo wir die Befürchtung haben, dass sie sich hier irgendwie festsetzen. Dann versuchen wir mit ihnen den Hilfebedarf abzuklären. Sprich: Warum sind sie hier? Was wollen sie hier? Wollen sie wieder weg?

Dann gucken wir natürlich auch nach unseren alten Hasen, mit denen wir schon länger Kontakt haben und versuchen die wieder kompatibel für die weiterführenden Häfen zu machen. Das heißt, viele von unseren Klienten sind nicht im Leistungsbezug, also weder Sozialhilfe noch SGB 2 oder 12. Damit sind sie dann auch nicht krankenversichert und wenn sie nicht krankenversichert sind, kriegen wir sie hier halt definitiv nicht raus. Unsere Aufgabe ist es dann, sie zu den Ämtern und zu den Krankenkassen zu begleiten. Das sind dann so die Aufgabenstellungen, die sich so im Laufe des Tages stellen.

  • Auf was muss man besonders achten, wenn man im Bahnhofsviertel täglich unterwegs ist und mit suchtkranken Menschen spricht?

Also ich finde man muss ganz besonders darauf achten, dass man nicht vergisst, dass man mit Menschen arbeitet.

  • Ist es ein harter Kampf oder lassen suchtkranke Menschen sich helfen?

Nein, ist ein harter Kampf. Wir haben hier ein festes Klientel von 400 Leuten, die jeden Tag im Bahnhofsviertel sind. Viele davon schon seit 10 bis 15 Jahren.

Die Menschen, die wirklich hier im Bahnhofsviertel landen, sind wirklich die, die durch alle Maschen gerutscht sind und auch keine Perspektive mehr haben. Die Wenigsten von ihnen kommen mal wieder auf einen ernsten Arbeitsmarkt. Für die Meisten steht der Weg ziemlich fest.

  • Hast du mit manchen Suchtkranken auch eine Art Beziehung aufgebaut?

Das ist eine Beziehungsarbeit, die ich hier mache. Aber natürlich habe ich Klienten, die kenne ich seit 15 Jahren und die begrüße ich auch sehr herzlich, wenn ich sie lange nicht gesehen hab. Freundschaft kann man nicht sagen, eher eine gute Bekanntschaft.

  • Viele sagen, Streetworker ist ein gefährlicher Job. Wie stehst du dazu?

Eigentlich ist es nicht gefährlich. Eigentlich ist es viel gefährlicher in einer Einrichtung zu arbeiten. Von der Klientenseite her hab ich überhaupt kein Bedrohungsgefühl. Ich muss hier auf der Straße keine Hausordnung durchsetzen, muss niemandem Hausverbot erteilen. Von daher bin ich eigentlich immer der Gute. Das ist aber halt das Bahnhofsviertel und das Bahnhofsviertel hat nicht nur mit Junkies zu kämpfen. Sondern auch mit organisierter Kriminalität und man kann durchaus auch Opfer werden.

  • Täglich im Bahnhofsviertel unterwegs, welche Gefahren treffen auf einen zu?

Wir haben manchmal psychotische Leute hier, wo du Fingerspitzengefühl haben musst. Ich hab schon Leute in eine Entzugsklinik gefahren, die auf dem Weg eine Entzugspsychose bekommen haben und mir irgendwas von Engeln und von Teufeln erzählt haben. Ich stand dann mit ihnen mitten im Wald im Auto und hab gedacht, hoffentlich bin ich ein Engel.

  • Was ist das schönste was du jemals als Streetworker erlebt hast?

Das Schönste ist schon, wenn du es schaffst zu Leuten eine Beziehung zu verknüpfen. Das kann ein ganz tolles Gefühl sein, wenn du Leute dazu bringst umzudenken. Wenn du es schaffst, jemanden tatsächlich dazu zu bewegen, dass er sagt: „Ja ist eigentlich ganz cool, kann versuchen mir eine Wohnung zu besorgen“. Natürlich hat man auch selten mal richtige Erfolgserlebnisse, dass man Leute mehr oder weniger rausvermittelt. Ich hab eine Klientin, die hat unheimlich viel Potential gehabt. Sie arbeitet jetzt bei einer Zeitschrift und ist seit 5 Jahren nicht mehr hier im Viertel gewesen. Sowas ist schon cool.

  • Was ist das Schlimmste was du jemals als Streetworker erlebt hast?

Das Schlimmste, was ich als Konsumraummitarbeiter erlebt habe, war eine völlig übernächtigte Crack-Süchtige, die zu uns in den Konsumraum kam. Wir konnten sie in dem Zustand auch nicht vor die Tür setzen, weil das einfach verantwortungslos gewesen wäre. Die hat uns aber den ganzen Konsumraum aufgemischt, weil sie nur noch gezappelt hat und geschrien hat und völlig unkontrolliert war. Das Einzige, was sie beruhigt hat, war, wenn man sie in den Arm genommen hat. Leider hat sie auch nicht mehr gut gerochen, aber es blieb uns einfach nichts anderes mehr übrig. Dann haben wir in 6 Stunden Schichten, irgendwie die Frau immer im Arm gehalten.

  • Du wurdest angeschossen, wie ist das abgelaufen?

Irgendwelche organisierten Kriminellen haben schon einen Tag vorher irgendwelche Streitigkeiten gehabt. Sprich, sie sind in den einen Laden reingelaufen, mit Baseballschlägern und Knüppeln, und haben den auseinander genommen. Am nächsten Tag hat sich das irgendwie fortgesetzt. Das war mittags um halb 3 auf der Moselstraße und ich habe meine Arbeit gemacht. Dann ging das Geschrei los. Ich hab Leute mit Knüppeln gesehen, wollte die Polizei aus sicherer Entfernung verständigen, dachte ich, und dann hat es geknallt. Ich wollte mich ins Café Fix flüchten. Schließlich hat es nochmal geknallt und dann hab ich auch den Einschlag gemerkt. Ich wurde im Rücken getroffen und bin vor dem Café Fix liegen geblieben.

Der Krankenwagen wurde nicht reingelassen, wegen Selbstgefährdung. Die Polizei sagte, dass sie nicht wissen ob hier noch geschossen wird oder nicht. Es sind 20 Minuten vergangen, bis sie bei mir waren.

  • Trotzt dieses schrecklichen Geschehens, willst du weiterhin täglich arbeiten?

Ja! Ist ja schon 3 Jahre her. Klar ich erschrecke mich manchmal wenns knallt oder so. Ich war einfach zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort. Wäre es ein Klient gewesen, der da am Abzug gestanden hätte, dann weiß ich nicht, wie ich es gesehen hätte. Aber da es was war, das mit mir überhaupt nix zu tun hatte, beziehe ich das auch nicht auf mich oder auf meine Arbeit.

Tom Holz ist ein Streetworker aus Leidenschaft. Der selbst, nachdem er die Zielscheibe einer Schießerei war, diesen Job gerne macht.

 

Laura